Erst auf Umwegen kommt die Baslerin Marie Lotz zur Malerei. Zunächst erfüllt sie die Erwartungen ihres bürgerlichen Umfelds, ihr Vater war Kassier auf einer Bank: Nach bestandenem Lehrerinnenexamen bildet sie sich im Konservatorium in Klavierspiel und Gesang aus und bestreitet in den folgenden Jahren - gemeinsam mit ihrer Mutter - den Lebensunterhalt als Musikerin und mit Klavierunterricht.
Im Alter von 31 Jahren hängt sie alles den Nagel und macht sich auf an die Münchner Akademie, um bildende Künstlerin zu werden. Doch an der Schule fühlt sich Marie Lotz bald bevormundet, sie bildet sich selbständig weiter. Einige Zeit verbringt sie in der ungarischen Künstlerkolonie Nagy Banya, wo farbenstarke Bilder entstehen. Die Werke werden jedoch für Basler Kunstausstellungen abgewiesen – man ist noch tonigere Bilder gewohnt.
1912 geht sie nach Paris, wo sie in verschiedenen Ateliers frei arbeitet und sich künstlerisch weiterbildet, unter anderem an der Académie Moderne. Es sind harte Lehrjahre voller Entbehrung. Immer wieder kehrt sie in die Region Basel zurück, zieht aber auch immer wieder fort. Nach dem ersten Weltkrieg folgt zusammen mit der Mutter ein vierjähriger Aufenthalt in Clausthal im deutschen Oberharz.
Aus Deutschland kehrt sie durch die Inflation völlig verarmt zurück. 1924 lässt sich Marie Lotz in Birsfelden nieder. Auf ihre Familie kann sie nicht zählen - ein Onkel hätte ihr sein Vermögen vermacht, wenn sie die Malerei aufgegeben und geheiratet hätte... Durch die Unterstützung von Freundinnen kann sie sich aber langsam eine halbwegs gesicherte Existenz als bildende Künstlerin aufbauen.
Marie Lotz schliesst sich der Gesellschaft Schweizerischer Malerinnen und Bildhauerinnen (GSMB) an, deren Basler Sektion sie in den 1930er Jahren als Präsidentin vorsteht. Sie malt Ölbilder und Aquarelle; spezialisiert ist sie auf Stillleben und berühmt für ihre leuchtenden Blumenbilder. In ihrem Atelier entstehen auch Porträts, hin und wieder Landschaften. Reisen führen sie nach Holland und Deutschland, wo sie die Weite sucht und auf einer Serie von Dünenbildern festhält. Marie Lotz ist keiner Malschule verpflichtet, sie entwickelt ihren eigenen Stil.
Mit Ausstellungen 1938 und 1948 in der Basler Kunsthalle feiert sie gross Erfolge; für die Weihnachtsausstellung der Stadt ist sie jeweils gesetzt. In späteren Jahren wirkt Marie Lotz als Zeichenlehrerin der Freien Evangelischen Schule in Basel.
In Birsfelden wohnt und schafft sie über der Konsum-Filiale an der Muttenzerstrasse. Atelier und Haushalt gehen fliessend in einander über. Lange Zeit noch sorgt sie für ihre alte Mutter. Dass Marie Lotz zwar einen Freund, aber keine Hochzeitspläne hat, sorgt in Birsfelden bei einigen Leuten für Empörung. Andere Birsfelder lassen sich gerne von «Fräulein Lotz» porträtieren. Einmal, so wird erzählt, bezahlt die Künstlerin ihre Gemeindesteuern mit Bildern.
Marie Lotz lebt bis zu ihrem Tod 1970 in Birsfelden. Die letzten Wochen ihres Lebens verbringt sie im Spital - sie zeichnet noch im Krankenbett.
Birsfelden ehrt die Künstlerin 2005, die Gemeinde tauft die Flaniermeile am Rhein Marie Lotz-Promenade.
Ich übe mich darin, die Flüchtigkeit des Sehens zu überwinden...